Im Februar diesen Jahres wurde Hanna Schiller von einer unabhängigen Jury für ihre herausragende künstlerische Arbeit ausgezeichnet. Stefanie Kleefeld, ein Jurymitglied, schrieb zur Begründung: „Indem Schiller diese Verfahren und Materialien mit Themen verbindet, die um strukturelle wie faktische Macht- und Gewaltmechanismen kreisen, spielen Schillers Arbeiten mit (vermeintlichen) Gegensätzen, wodurch eine Spannung und Ambivalenz erzeugt wird, die den Arbeiten eine Komplexität und Dringlichkeit verleiht, der sich nur schwer zu entziehen ist.“
Zwei Monate später bewiesen das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das Deutsche Studierendenwerk und die Bundeskunsthalle Bonn, dass sie sich dieser Dringlichkeit doch recht leichtfertig entziehen können. Als AfD und rechtsextreme Presse herausfanden, dass Hanna antifaschistisch motivierter Straftaten beschuldigt war, starteten sie eine Hetzkampagne, der alle genannten Institutionen eilig nachgaben: ob der schwerwiegenden Vorwürfe1 gegen Hanna, könne sie nicht ausgezeichnet werden. Noch während eigentlich die Unschuldsvermutung galt und der Preis offiziell nur ruhend gestellt war, wurde alles daran gelegt, die Spuren für Hannas Nominierung auszulöschen. Zwischenzeitlich wurde die Begründung für ihre Auszeichnung von der Webseite des Studierendenwerks genommen, mal war sie nur noch als Nominierte gelistet, in die Planungen für den Katalog wurde ihre Position nicht einbezogen und denjenigen Preisträgerinnen, denen dies ein Anliegen war, wurde es verwehrt, sich zu Hannas Fehlen zu äußern.
Hanna und ihrer künstlerischen Position wurde sich gründlich entledigt. Die einstige Würdigung ihrer herausragenden Arbeiten wurde aufgrund von Anschuldigungen gegen sie als Person zurückgenommen und ausgelöscht.
Staatliche Förderung findet unter Bedingungen statt: wer Geld von Deutschland kriegt, wird zum Aushängeschild für angeblich hochgehaltene demokratische und kulturelle Werte. So gratuliert Bundesbildungsminister Cem Özdemir den Rezipientinnen des 27. Bundespreis für Kunststudierende mit Eigenlob: „Mit dem Bundespreis bauen wir eine Brücke zwischen Ausbildung und Beruf und fördern so die Entwicklung junger Künstlerinnen und Künstler. Die ausgezeichneten Arbeiten belegen die hervorragende Qualität und Vielfalt der Ausbildung an den Kunsthochschulen. In Zeiten, in denen unsere Demokratie von Innen und Außen angegriffen wird, ist es umso wichtiger, dass Menschen im öffentlichen Raum zusammenkommen. Gerade Kunst und Kultur bieten eine einzigartige Möglichkeit, sich mit den drängenden Fragestellungen unserer Zeit zu befassen.“
Eine Neuaufführung der konservativen institutionalisierten Routinen. Bei saufenden, transgressiven Männeridolen wird auf ihr exzentrisches Genie und die Trennung von Werk und Autor bestanden. Eine junge Künstlerin muss sich von einem herablassenden Richter bei der Verurteilung auf Basis von Indizien noch anhören, dass sie ihr politisches Engagement auf die Kunst hätte beschränken sollen. Und im Nachgang arbeiten die Leute, die Hannas engagierte Kunst als Aushängeschild für Demokratie und Diskursvielfalt verwenden wollten, fleißig mit am Vergessen-machen der Auszeichnung und der Arbeit.
In fast 1½ Jahren Untersuchungshaft hat Hanna kontinuierlich weitergearbeitet. Wie sie zuvor mit konzentrierten, dichten Arbeiten die Normalisierung und Verschleierung staatlicher, rassistischer und misogyner Gewalt unterbrochen hat, arbeitet sie nun auch gegen die Verschwiegenheit der ihr zugefügten Gewalt an und macht in, einst ausgezeichneten, klaren Setzungen die stumpfe und sinnlose Gewalt des Gefängnissystems greifbarer: Sie strickt Socken für die Liebsten ihrer Mitinsassinnen aus dem einzigen Material, zu dem sie permanent Zugang hat: Zeitungspapier. Dazu stellt sie allen die gleichen Fragen und schickt diese Dokumente aus der sozialen Isolation in die Gemeinschaft, aus der sie gerissen wurde. Bitter nötige Belege für die offensichtliche Verlogenheit eines Systems, das Resozialisierung behauptet und stumpfes Strafen praktiziert.
Ernsthaftigkeit und angemessen-hingebungsvolle Gründlichkeit waren schon in Hannas früheren Arbeiten materialer Bestandteil. Mit Techniken traditionell feminisierter Gedächtnisarbeit, Stricken, Häkeln, Knüpfen, Aufmerksamkeit und Umsicht, bemüht sie sich, ein rezipierbares Gegengewicht, wirksame Schwere herzustellen, die die routinierte Leichtigkeit von Verharmlosung und Ignoranz durchbricht: jedes Kettenglied aus Texten der Verfassung ein ertränkter fliehender Mensch, ein Fußabstreifer aus Frauenhaar, Socken in den Lieblingsfarben der vermissten Töchter, Mütter, Partner*innen, jeder Hafttag eine wieder und wiederholte Zahl auf charmelosem, kariertem DinA4 Papier.
Das ist auch Deutschland, das ist auch Demokratie.
Solidarität, die nicht rein gestisch ist, sondern gelebt und verkörpert wird, wird hier bestraft. Von Gerichten, von Parteien und von den liberalen, diskursverliebten Kulturinstitutionen, die sich so gerne mit Hannas politischem Engagement schmücken wollten. Hätte sie es damit nur nicht so ernst gemeint!
Jetzt soll auch Hanna vergessen werden.
Gegen diese entschlossene und so offenbarende Zensur anzugehen, ist die Pflicht all derer, die es ernst meinen mit Solidarität, Vielfalt und Demokratie.
- Im Februar 2023 soll sie angeblich (im Oktober 2025 wurde sie anhand von Indizien und mangels Gegenbeweisen schuldig gesprochen und zu 5 Jahren Haft verurteilt) Faschist*innen, die am Tag der Ehre, einem jährlich in Budapest stattfindenden, internationalen Nazi-Festival, bei dem der deutschen Wehrmacht und deren ungarischen Kollaborateuren gedacht wird, teilnahmen verprügelt haben. ↩︎